1. Etappe: Denver - Evergreen (70 KM, 500 HM)

Wenn man schon doofe Pläne schmiedet, sollte man sie auch in die Tat umsetzen. Daher besteigen Alex und ich ein Flugzeug, das uns am 18.08.2001 über den großen Teich nach Denver fliegt. Nach einer Übernachtung in der wohl grauslichsten Jugendherberge der westlichen Welt kümmern wir uns zunächst um unsere Räder, machen noch ein paar Einkäufe - die ersten Pittsburgh Steelers-Kapperl wechseln den Besitzer - und fahren am Nachmittag los. Das Abenteuer "Race across America" kann beginnen!

Allein die Fahrt durch die extrem weitläufigen Vororte der Stadt (jeder der rund zwei Mio. Denverianer lebt in seiner eigenen hölzernen Bruchbude) dauert wesentlich länger als gedacht. Erst bei Anbruch der Dunkelheit ergattern wir in Evergreen ein Quartier - das "Bears Inn", die teuerste Lodge in Colorado.

2. Etappe: Evergreen - Idaho Springs (115 KM, 2.200 HM)

Da unsere Finanzplanung schon jetzt über den Haufen geworfen ist, entschließen wir uns, fortan nicht mehr aufs Geld zu schauen und den Kurs von 0,85 Dollar/Euro zu ignorieren. Schließlich haben wir Wichtigeres zu tun, nämlich die Bezwingung des 4.347 m hohen Mount Evans - die höchste in Nordamerika zu befahrende Straße.

Mit der Höhe haben wir während der gesamten 50 km zum Gipfel keine Probleme. Die Auffahrt ist zwar lang, ist sonst aber "flach" und daher recht einfach zu bewältigen. Einzige Frechheit: die Amerikaner verlangen selbst von Radfahrern Maut!

3. Etappe: Idaho Springs - Breckenridge (96 KM, 1.500 HM)

Idaho Springs verlassen wir mangels Alternativen auf der Interstate 70 in Richtung Loveland Pass (3.655 m). Nach einigen Kilometern werden wir von einem aufgeregten "Highway Patrol"-Polizisten mit den Worten "Wot ah juh doin hie???" gestoppt. Schließlich hat er ein Einsehen, erklärt uns den Weg (es gibt doch eine Nebenstraße, die nirgends eingezeichnet ist) und schickt uns als Geisterfahrer bis zur nächsten "Ausfahrt" zurück. Der Pass selbst entwickelt sich zur gemütlichen Auffahrt, während sich der leichte Regen kurz vor Breckenridge zum Hagelgwitter auswächst.

4. Etappe: Breckenridge - Buena Vista (100 KM, 1.000 HM)

Nach Überquerung des Hoosier Passes (3.517 m) bahnt sich die Sonne langsam ihren Weg durch die Wolkendecke. Bei angenehmen Temperaturen folgt der kaum wahrbehmbare Trout Creek Pass (2.848 m) und schließlich die Abfahrt nach Buena Vista. Wie der Name schon sagt: das Panorama ist überwältigend (siehe letztes Foto).

5. Etappe: Buena Vista - Gunnison (112 KM, 1.300 HM)

30 km bergauf mit kurzen Steilstücken und schon steht man auf dem Cottonwood Pass (3.696 m), dem höchsten Übergang der Rocky Mountains. Zu unserem Bedauern ist die Abfahrt nicht asphaltiert sondern besteht zum Großteil aus einer rippigen Sandstraße - sehr lustig wenn man mit 8 bar in den Reifen unterwegs ist. Bestens massiert kommen wir im Etappenziel Gunnison an.

6. Etappe: Gunnison - Ridgeway (149 KM, 500 HM)

Endlich strahlt uns in der Früh die Sonne an und sie wird uns bis Las Vegas nicht mehr verlassem. Mit Rückenwind rollen wir durch das wunderschöne "Blue Mesa Reservoir". Lediglich der auf keiner Karte eingezeichnete Cerro Summit (2.433 m) sorgt bei Affenhitze für eine unangenehme Überraschung.

Ein kleines Kaff namens Ridgeway beherbergt uns über Nacht. Im dortigen Saloon wird uns vom einem nicht mehr ganz nüchternen Trucker empfohlen, um Utah einen großen Bogen zu machen, denn: "Utaaahhhhh, sucks...."

7. Etappe: Ridgeway - Durango (130 KM, 3.000 HM)

Bevor wir uns einen Ruhetag in Durango gönnen, stehen 3.000 Höhenmeter verteilt auf drei Pässe auf dem Programm. Auf Grund seiner kupfer-roten Färbung und der faszinierenden Auffahrt über den 1883 gebauten "One Million Dollar Highway" bleibt uns der Red Mountain Pass (3.355 m) in besonderer Erinnerung.

Weder Molas Pass (3.325 m) noch Coal Bank Pass (3.243 m) stellen eine nennenswerte Herausforderung dar. Eine Schrecksekunde gibt es auf der Abfahrt: Alex übersieht einen Stein, der Reifen platzt, die Felge ist runiert. Nicht einmal der Mechaniker in Durango kann den "Achter" glätten, fortan "hoppelt" Alex über die Straßen.

8. Etappe: Durango - Cortez (78 KM, 100 HM)

Die Rockies liegen hinter uns, vor uns erstrecken sich die Ausläufer der Wüste. Bestens Ausgeruht und endlich mit frischer Wäsche (!) stoßen wir ins flache "Nichts" vor.

Erste Station nach Durango ist Cortez. Hier betritt niemand die Straße, selbst die kürzesten Wege werden im klimatisierten Auto zurückgelegt. Wir ahnen, wie heiß es in den nächsten Tagen wird.

9. Etappe: Cortez - Bluff (110 KM, 200 HM)

Ein herrliches Frühstücks-Burrito, zu uns genommen im "Silver Bean" (links), gibt uns Kraft für den ganzen Tag, den wir in einer recht unwirtlichen Gegend verbringen. Nur hin und wieder überholt uns eins Auto, die Sonne brennt gnadenlos auf uns herab.

Wie aus dem Nichts heraus taucht der kleine "Oasen-Ort" Bluff auf, die Zivilisation hat uns zumindest für ein Paar Stunden wieder. Das "Pioneer-House", das ich jedem, den es in diese Ecke der USA verschlägt, wärmstens empfehlen kann, bietet uns einen in dieser Einöde nicht erwarteten Komfort und besondere Gastlichkeit. Obwohl wir uns im Mormonenstaat Utah befinden bekommen wir beim Abendessen sogar ein Bier.

10. Etappe: Bluff - Kayenta (132 KM, 500 HM)

Kaum zu glauben aber wahr: Leichter Nieselregen begleitet uns die ersten Kilometer nach Bluff. Im Monument Valley herrscht dann wieder Prachtwetter, die Stimmung ist bestens und die Landschaft könnte eindrucksvoller nicht sein.

Wir würdigen jene Stelle, an der Forrest Gump umgedreht ist, bleiben selbst aber auf Kurs Arizona. Ziemlich abgekämpft erreichen wir Kayenta und müssen zu unserem Leidwesen feststellen, dass sämtliche Motels ausgebucht sind. Schließlich landen wir einige Kilometer außerhalb der Stadt im "Anazazi Motel" (schrecklich unfreundlich).

11. Kayenta - Tuba City (100 KM, 0 HM)

Die 100 km lange Strecke von Kayenta nach Tuba City gleicht ihrer Luftlinie: immer geradeaus. Einzige nennenswerte Abwechslung sind die "Elephants Feet", ein Heiligtum der Indianer. Ansonsten bleibt die Umgebung eintönig, Schatten gabs hier das letzte Mal vielleicht vor 5 Mio. Jahren. Die Sehnsucht nach einem kalten Cola samt Fast-Food-Massaker steigt daher ins Unermessliche. Das Cola schaffen wir locker, die 24 "Chicken-Pieces" allerdings nicht.

12. Tuba City - Grand Canyon Village (139 KM, 800 HM)

Der große Tag ist gekommen! Nach über 1.000 km im Sattel rücken wir dem Grand Canyon (2.255 m) immer näher. Wieder ist es extrem heiß und die Auffahrt in den National Park wird daher mühsamer als erwartet. Doch der erste Blick in den Canyon lässt uns alles vergessen. Staunend sitzen wir "an der Kante" und schauen in die Tiefe, 2.000 Meter hinab zum Colorado River.

Wir übernachten gleich zwei Mal in Grand Canyon Village, um die beeindruckende Landschaft in vollen Zügen genießen zu können. Jede Aussichts-Plattform überrascht mit neuen Blinkwinkeln. Vor allem bei Sonnenuntergang erstrahlt der Canyon in einem unvergesslichen Farbenspiel.

13. Grand Canyon Village - Williams (110 KM, 200 HM)

Mit Wehmut bestreiten wir die letzte Etappe, die uns lediglich zur Greyhound-Station in Williams bringt. Von dort geht es am nächsten Tag nach Las Vegas. Da wir jeden Anschlussflug verpassen wird die Heimreise zur Odyssee. Las Vegas - Cincinnati (Übernachtung) - New York - Paris - Wien brauchen wir 38 Stunden, um am 4. September nach Österreich zurückzukehren. Eine Woche später wird das World Trade Center in Schutt und Asche gelegt, die Welt hat sich verändert.

Strecke: Denver - Williams (Arizona), 1.460 Kilometer

Pässe: Mount Evans (4.347m), Cottonwood Pass (3.696m), Loveland Pass (3.655m), Hoosier Pass (3.517m), Red Mountain Pass (3.355m), Molas Pass (3.325m), Coal Bank Pass (3.243m), Squaw Pass (2.959m), Trout Creek Pass (2.848m), Cerro Summit (2.433m), Grand Canyon (2.255m)

Höhenmeter: ca. 12.000

Wissenswertes: Straßen in den Rocky Mountains perfekt ausgebaut, wenig Verkehr, Autofahrer sehr rücksichtsvoll, oft breiter Seitenstreifen, Quartiere meistens kein Problem, Colorado im Sommer am Nachmittag sehr regenanfällig!.