1. Etappe: Zell am See - Sillian (130 KM, 2.800 HM)

Glockner wir kommen! Aus Zeitmangel müssen wir leider per Nachtzug zum Ausgangspunkt in Zell am See anreisen. Daher besteigen Robert und ich völlig übermüdet die Räder und kriechen dem Fuschertörl (2.428 m) entgegen. Was wir leider vergessen haben: Um das Hochtor (2.504 m) zu erreichen, müssen wir noch durch den Mittertörl-Tunnel und damit hart erkämpfte Höhenmeter herschenken.

Erstmals komme auch ich in den Genuss eines Rennrades und so erreichen wir nach einer rasenden Abfahrt Winklern. Im örtlichen Kaffeehaus schlafe ich am Tisch ein, nach dem Nickerchen nehmen wir den Iselsbergpass aber mit frischen Kräften im Sturm. Dafür will die Strecke Lienz - Sillian schier kein Ende nehmen.

2. Etappe: Sillian - Bozen (165 KM, 2.300 HM)

Die Dolomitenstraße ist einer der landschaftlich reizvollsten Abschnitte in den Alpen. Grund genug um gleich vier Pässe an einem Tag zu erklimmen. Noch ehe wir in Cortina d'Ampezzo ankommen, überqueren wir als Aufwärmübung den Gemärkpass (1.518 m).

Zwölf km östlich der Olympiastadt von 1956 wartet der Falzaregopass (2.117 m). Danach folgt das Pordoijoch (2.239 m). Beide Pässe sind äußerst angenehm zu fahren - zumindest habe ich heutzutage keine negativen Erinnerungen mehr daran. Also kanns nicht so unangenehm gewesen sein.

Nach wie vor beschäftigt uns die Frage, weshalb die Italiener die Passtafeln nicht am höchsten Punkt aufstellen!? Aber wie so vieles in Italien sollte man es einfach zur Kenntnis nehmen. Bei der Überquerung des Karerpasses (1.752 m) sind wir schon etwas in Zeitverzug. Ziemlich abgekämpft beziehen wir ein Zimmer im Hotel "Post Gries" in Bozen.

3. Etappe: Bozen - Ponte di Legno (110 KM, 2.200 HM)

Leider liegt Bozen inmitten von Bergen und sämtliche Straßen müssen über genau diese Erhebungen führen. Daher kann man die Stadt nicht einfach durch ein Tal verlassen. Nein! Man muss z.B. über der Mendelpass (1.363 m) fahren, 1.100 völlig unnötige und zeitraubende Höhenmeter gleich nach dem Aufstehen.

Jetzt wirds gemütlich: Der Lago di San Giustina müdet ins Val di Sole, das seinem Namen gerecht wird und uns bei strahlendem Sonnenschein empfängt. Alles andere als schön ist hingegen der Passo del Tonale, ein trostloses Hochplateau mit scheußlichen Bettenburgen und verwaisten Skiliften. Übernachtet wird in der Ortschaft Ponte di Legno.

4. Etappe: Ponte di Legno - Susch (125 KM, 2.600 HM)

Bei der Erwähnung des Gaviapasses (2.650 m) schlagen Radlerherzen höher: Wegen seiner Wetterkapriolen und Steilstücken von bis zu 16 % ist dieser Alpen-Riese beim Giro d'Italia stets ein gefürchteter Gast.

Allgegenwärtig ist Marco "Elefantino" Pantani. Der verstorbene Held des Giro wird noch heute wie ein Heiliger verehrt. Wir folgen seinen Spuren und quälen uns über die alte, enge Straße inmitten einer wunderschönen Bergwelt.

Zum Glück erwischen wir herrliches Wetter, der kaum vorhandene Autoverkehr und die zahlreichen Anfeuerungen auf dem Asphalt lassen den Gavia für uns zu einem unvergesslichen Erlebnis werden.

Die erholsame Abfahrt endet in Bormio, Zeit zum Trödeln bleibt keine. Die Doppelspitze Passo di Foscagno (2.291 m) und Passo d'Eira (2.208 m) will von den tapferen Pedalrittern auf ihren Drahteseln erobert werden.

Roberts Schlafeinlage täuscht: Ein "Patschen" an meinem Rad sorgt für eine unfreiwillige Pause. Also pumpe ich während er sich ausruht. Die beiden Pässe sind kaum eine Erwähnung wert.

Nächster Zwischenfall beim Stausee von Livigno: Robert "plumpst" mit dem Vorderreifen in ein Kanalgitter, seine Felge ist aber arg ramponiert. Trotzdem rasen wir (Robert schlingert mit seinem "Achter") wenig später mit Tempo 50 durch den kaum beleuchteten, einspurigen Tunnel in die Schweiz. Auto kam uns in der 3,4 km langen Röhre zum Glück keines entgegen. Wir erreichen das kleine Dorf Susch im Engadin noch bei Tageslicht.

5. Etappe: Susch - Landeck (162 KM, 2.000 HM)

Die Abschlussetappe ist - wie meistens - auch der beschwerlichste Abschnitt. Wir verlassen Susch so früh wie möglich, lassen das Engadin hinter uns und überqueren die Grenze nach Österreich. In Prutz zweigt die Kaunertaler Gletscherstraße (2.750 m) ab. Während einer der zahlreichen Robert'schen Telefonkonferenz mit "seinen Russen", verdunkelt sich der Himmel über uns.

Die Panoramastraße bis auf 2.750 m verlangt uns alles ab. Die ersten Kilometer steigen zwar nur mäßig an, bald jedoch folgen Rampen von bis zu 14%. Bei Feichten (1.287m) durchfahren wir die Mautstation, dahinter ragt die Mauer des Gepatschstausees vor uns auf. Bis zur Seehöhe (1.765 m) sind es zehn Kehren, danach folgt die Straße dem Ufer, Regen setzt ein. Noch immer fehlen uns fast 1.000 Höhenmeter.

Nach ein paar weiteren Serpentinen geht es erst richtig los! Der Anstieg bleibt unbarmherzig, der Niederschlag wird zum Schneeregen. Und mitten drin: ein einarmiger Radfahrer, der langsam aber sicher den Berg bezwingt! Erst wenige Meter vor dem Ende der Straße hebt sich das Restaurant vom Grau-in-Grau der Nebelsuppe ab. Wir gönnen uns eine wärmende Suppe, machen rasch die "Beweisfotos" und wagen uns auf die regennasse Abfahrt bis Landeck.

Mit Robert verliere ich in der Folge leider den nächsten wagemutigen und konditionsstarken Rad-Gefährten. Er wird seinem Rennrad untreu und steigt aufs Mountainbike um, schnallt sich nur mehr Tourenski an, geht wandern, laufen, klettern und nutzt jede freie Minute, um nicht noch einmal auf Tour gehen zu müssen.

Strecke: Zell am See - Landeck, 692 Kilometer, 28.08. - 01.09.1999

Pässe: Kaunertaler Gletscher (2.750 m), Gaviapass (2.650 m), Großglockner-Hochtor (2.504 m), Fuschertörl (2.428 m), Passo di Foscagno (2.291m), Pordoijoch (2.239 m), Passo d'Eira (2208 m), Falzaregopass (2.117m), Passo del Tonale (1.884 m), Karerpass (1.752 m), Gemärkpass (1.530 m), Mendelpass (1.363 m), Iselsbergpass (1.204 m)

Höhenmeter: 11.900 m