Wir schreiben den 29.07.2005: Ein Flugzeug aus Wien landet spätnachts in Neu Delhi. Die Reisenden werden am Ausgang von geduldig wartenden Indern, die den Namen "ihres" Touristen in die Höhe halten, in Empfang genommen. Nach endlosen Verhandlungen stehen endlich Taxis bereit, die auch zwei Verrückte samt ihrer Räder in die Stadt fahren. Der Gestank ist erdrückend, die Hitze kaum auszuhalten. Am Straßenrand schlafen in Fetzen gehüllte Menschen, inmitten von streunenden Hunden, Affen und träge herumtrottenden Kühen. Die Umrisse der Lebenwesen heben sich im Dunkel der Stadt kaum von ihren verdreckten Schlafstätten ab. Neu Delhi heißt Alex und mich willkommen!

Erst am nächsten Tag sehen wir das wahre Ausmaß der menschlichen Tragödie, des Drecks und der völligen Aussichtslosigkeit, in der die Menschen hier leben. Wir mieten ein Taxi und lassen uns die Stadt zeigen, halten in der Verkehrshölle immer wieder an und mischen uns unter die Leute. Einzig das Regierungsviertel ist dem vollkommenen Verfall bisher entgagen.

"No problem, Sir" wird zum geflügelten Wort. Man hört es ca. 20 Mal in der Minute und weiß, "der Inder" ist wieder einmal heillos überfordert. Am Nachmittag besteigen wir endlich den "Luxus"-Bus, der uns aus dem Moloch aus Dreck, Gestank, Hitze und Unvermögen wegbringen und in 16 Stunden in Manali abliefern wird. Von dort werden wir unsere eigentliche Reise nach Leh antreten.

Manali im Bundesstaat Himachal Pradesh liegt auf rund 2.500 m. Wir genehmigen uns daher zwei Tage im "Tigereye Guesthouse" (rechts), um uns von den Reisestrapazen zu erholen und etwas zu akklimatisieren. Hier - am Fuße des Himalayas - ist nichts mehr von der Hölle Neu Delhis zu spüren, die Menschen sind freundlich, entspannt und wissen was sie tun. "No problem, Sir"!

Um die Verwirrung nicht zu groß werden zu lassen, folgende kurze Einleitung: Erstmals sind wir mit Höhenmesser unterwegs. Daher sind die mit einem Plus versehenen Höhenmeter die "ansteigenden", die mit einem Minus die "absteigenden". Die Kilometer-Angaben sollten einigermaßen verlässlich sein, "der Inder" selbst nimmt es mit der Länge eines Kilometers oft nicht so genau!

1. Etappe: Manali - Khoksar (76,5 KM, + 2.011 HM, - 962 HM)

Der 52 Kilometer lange Anstieg auf den Rohtang La (3.975 m) beginnt noch in Manali. Die Steigung ist recht sanft, da sich auch die LKWs über die einzige Verbindungsstraße nach Leh und weiter nach Srinagar quälen müssen. Auf unserem gesamten haben wir weder mit Lastwagen noch mit einem der Militärfahrzeuge ein ungutes Erlebnis. Die Fahrer hupen, blinken und jubeln uns zu.

Wie selten Radfahrer in diesem Teil der Erde sind zeigt uns auch der Umstand, dass wir bei jeder Pause sofort zum begehrten Fotomotiv mit der ganzen Familie werden. Bald überqueren wir die Passhöhe auf fast 4.000 m, lassen den Nebel hinter uns und tauchen in eine traumhafte Bergwelt ein.

2. Etappe: Khoksar - Keylong (50 KM, + 813 HM, - 730 HM)

Von Khoksar bewegen wir uns langsam nach Keylong weiter, für die nächsten Tage der letzte Ort mit Fließwasser und Toilette. Die kurze Distanz erleichtert uns die weitere Akklimatisation, die Straßen sind allerdings zum Teil weggeschwemmt und erschweren das Vorwärtskommen.

Vor allem bis Sissu ist der Weg zum Teil sehr schlecht, bessert sich dann aber auf der Abfahrt nach Tandi. Der Anstieg nach Keylong beginnt rund sieben Kilometer vor der Ortschaft. Übernachtungsmöglichkeiten gib es in Keylong einige, wir entscheiden uns für das "Hotel Snowland".

3. Etappe: Keylong - Patseo (52 KM, + 1.190 HM, - 564 HM)

Nach Keylong schlagen wir unser Nachtquartier in Patseo (3.820 m) auf, einem "Ort" bestehend aus drei Zelten. Nach kilometerlangen Sandpassagen (gleich bei Keylong) und teilweise sehr schlechte Straßen sind wir froh, endlich ein "Dach" über dem Kopf zu haben. Vor der wohlverdienten Bettruhe müssen wir uns allerdings noch mit einem völlig betrunkenen "Vorarbeiter" herumschlagen. Er will Alex' Rad kaufen...

4. Etappe: Patseo - Sarchu (66 KM, + 1.234 HM, - 683 HM)

Baralacha La (4.880 m): ein Pass, ein Mythos! Er klingt nicht nur teuflisch, er ist es auch. Stundenlang kämpfen wir uns über Geröllstraßen bergauf, zum Teil ist der steinige Weg von Bächen unterspült, die Schwertransporter blasen uns die Abgase ins Gesicht. Alex kämpft mit der Höhe, hat Kopfweh, ist müde.

Aber gerade weil der Berg so unnachgibig ist, ist er wunderschön und wir genießen den Augenblick des Gipfelsieges umso mehr. Erstmals haben wir also richtig Höhenluft geschnuppert. 15 Kilometer vor unserem Etappenziel in Sarchu verwandlet sich auch die Straße in eine perfekte Asphaltpiste.

5. Etappe: Sarchu - Pang (78,5 KM, + 1.436 HM, - 1.055 HM)

Wir verlassen Sarchu und schrauben uns bis Kilometer 25 Kehre für Kehre über die von vielen gefürchteten, in Wahrheit aber äußerst harmlosen, 21 Gata-Loops auf fast 4.700 Meter hinauf. Es sollten nicht die letzten Serpentinen an diesem Tag bleiben.

Nach weiteren 20 km stehen wir etwas ungläubig auf dem Nakeela La (4.930 m), weil wir dachten, den Pass schon überquert zu haben. Doch der Blick in die Ferne bestätigt, dass wir erst 200 HM ins Tal abfahren müssen, um zum Anstieg des Lachalung La (5.065 m) zu gelangen. Sieben Kilometer noch und wir haben erstmals die 5.000-er Schallmauer durchbrochen! Übernachtet wird in Pang auf über 4.600 m. Diesmal plagen mich heftige Kopfschmerzen.

6. Etappe: Pang - Upshi (133 KM, + 1.140 HM, - 2.107 HM)

Dem Kopf geht's wieder gut, das Wetter ist perfekt! Die längste "Indien-Etappe" beginnt mit dem Anstieg auf die "Morey Plaines", einer Hochebene, die sich 45 km lang bis an den Fuße des Tanglang La (5.328 m) zieht. Um den 18 km langen Anstieg für die Lkws nicht zu steil werden zu lassen, nützt die Sraße jede Schlinge des Berges. Die Passhöhe immer vor Augen, nimmt die Auffahrt scheinbar kein Ende. Es ist kalt und extrem windig. Die letzten 500 Meter werden für mich zur Qual.

Die Abfahrt ist eine einzige Baustelle, wieder kommen wir nur langsam voran. Belohnt werden wir dann im Tal mit einer herrlich ausgebauten Straße mit einem einzigen Schlagloch. Genau mit diesem schließe ich leider Bekanntschaft während ich filme und steige kopfüber vom Rad ab. Zum Glück erleide ich nicht einmal einen kleinen Kratzer.

7. Etappe: Upshi - Leh (54 KM, + 511 HM, - 366 HM

Leh rückt immer näher, wir haben es nicht mehr eilig. Wir genießen die Ruhe, die der Buddhismus in dieser Landschaft ausstrahlt. Für Unterhaltung sorgen auch die allgegenwärtigen Hinweisschilder mit gut gemeinten Tipps zum Autoverkehr.

Vorbei am Kloster Thikse, zahlreichen "Chörten" und "Stupas" - Kultbauten des tibetischen Buddhismus -, fahren wir entlang des Indus und stehen auf einmal in Leh, der Hauptstadt des alten Königreiches Ladakhs, das heute ein Teil Kaschmirs ist. Auf Empfehlung des "Tigereye"-Besitzers in Manali werden wir mit aufrichtiger Gastfreundschaft in einem noch nicht ganz fertig gebauten Guesthouse (nahe Lotus-Hotel) aufgenommen.

8. Etappe: Leh - Khardung La - Le (82 KM, + 2.093 HM, - 2.093 HM)

Nach einem Ruhetag, an dem wir uns die nötige Erlaubnis für die Fahrt Richtung Nubra Valley holen, schlagen wir das letzte Kapitel der heurigen Tour auf. Es trägt den klingenden Namen: Khardung La (5.602 m), seines Zeichens der offiziell höchste mit einem Fahrzeug zu befahrende Pass der Welt. Von den rund 40 Kilometer bis zum "Gipfel", sind die letzten 14 in einem schlechten Zustand, aber mittlerweile sind wir das ewige Herumhüfpen schon gewohnt.

Vor uns liegt das Nubra Valley, geheimnisvoll und still. Trotzdem müssen wir umkehren und rollen den Weg zurück nach Leh. Wir schießen letzte Fotos und verarbeiten die Eindrücke der vergangenen Tage.

Leh ist für insgesamt vier Tage unser Zuhause, versorgt uns mit dem Nötigsten und vermittelt uns eine bis dato nicht gekannte Gastfreundschaft.

Wir spazieren durch die Straßen, lassen die Bergriesen rundherum auf uns wirken, besichtigen die Sehenswürdigkeiten, verbringen die Nachmittage im schattigen Gastgarten und die Abende meist bei einem Bier. Wir lassen die Anstrengungen hinter uns.

Der Abflug wird um einen Tag verschoben. Manche Touristen warten bereits seit drei Tagen auf einen Flug, die Nervosität ist spürbar. Offiziell ist heftiger Wind dran schuld, dann jedoch kommt die Wahrheit ans Licht: Jet Airways hat gestreikt. No problem, Sir!

Strecke: Manali - Leh, 587 Kilometer

Pässe: Khardung La (5.602 m/5.510 m), Ta(n)glang La (5.328 m/5.392 m), Lachalung La (5.065 m/5.108 m), Nakeela La (4.930 m/4.970 m), Baralacha La (4.880 m), Rhotang La (3.975 m) - offizielle/privat gemessene Höhenangaben

Höhenmeter: ca. 10.500

Wissenswertes: Akklimatisierung unbedingt nötig! Zustand der Straßen variiert von Jahr zu Jahr, Verkehr sehr rücksichtsvoll, Verpflegung unterwegs kann problematisch sein (nicht sehr nahrhaft), Quartier bekommt man überall (wir hatten zur Sicherheit einen Biwacksack mit), Manali-Leh auch in 6 Tagen zu schaffen (Quartier in Sissu statt Khoksar nehmen, nächster Halt in Patseo), "Permission" für Khardung La (wegen Nubra Valley) nötig.