1. Etappe: Genf - Seez ( 140 KM, 1.200 HM)

Aus organisatorischen Gründen starten Georg und ich zwar in Genf, doch das "Kikerikie" des gallischen Hahns ist bald nicht mehr zu überhören. Nach der Grenze trifft uns der Col du Mont Sion (786 m) völlig unvorbereitet - 400 nicht eingeplante Höhenmeter. In Annecy müssen wir dann feststellen, dass man im Land von "Asterix & Obelix" noch nichts von Hinweisschildern gehört hat.

Pause in Albertville, dem Ort der Olympischen Winterspiele 1992: Auf der letztlich erfolglosen Suche nach dem örtlichen "McDonalds" mache ich erstmals Bekanntschaft mit den Tücken der Klickpedale und schon küsse ich den Asphalt.

Statt Big Mac gibt's daher auch heuer wieder jede Menge Dosen-Thunfisch. Da wir allerdings nur rudimentär stotternde Französisch-Kenntnise besitzen, ist es jedesmal eine Überraschung, was sich tatsächlich in den Dosen befindet.

Nach Moutiers lenken wir auf die Schnellstraße nach Seez ein. 30 km lang bläst uns der Wind auf der permanent ansteigenden Straße entgegen. Siegreich aber erschöpft erreichen wir die Jugendherberge in Seez.

2.Etappe: Seez - Lanslebourg (80 KM, 1.800 HM)

Mit dem Col de l'Iséran (2.770 m, Ø 4,2%, max. 10,0%) stellt sich uns der zweithöchste Pass Europas in den Weg. Von Seez fällt die Straße an der lsére auf den ersten 3,5 km leicht ab und steigt dann bis km 6,5 mäßig an. Danach erreichen wir über Kehren mit bis zu 12 % Steigung und einigen kurzen Tunnels die Staumauer des Lac de Chevril, dessen Ost-Ufer nach Val d'Isére (1.840 m) führt.

Der verdienten schöpferischen Pause inmitten der "prachtvollen" Bettenburgen von Val d'Isere folgen noch über 900 Höhenmeter. Im Hochtal geht es an der Isère entlang, ehe die Straße am Talschluss westwärts den Hang hinauf führt. Nach einigen Serpentinen verlieren wir im Nieselregen Val d'Isere langsam aus den Augen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich für die neongelbe Jacke und die Hose entschuldigen. Beide Kleidungsstücke sind ähnlich geschmackvoll wie die Architektur in Val d'Isere. Das Ende der 80er-Jahr wurde von mir gnadenlos ignoriert! Die Hose befindet sich heute im Besitz von Robert, der etwas später die internationale Radsport-Bühne betreten und mit kuriosen Kunststücken die Leserschaft erfreuen wird.

Nun gut, das Wetter lässt uns wieder einmal im Stich, den Gletscher "Grande Motte" sehen wir nicht. Einsam klettern wir die letzten von insgesamt 45 Kilometern auf den Pass - kurze Aufwärmpause in der geräumigen Hütte, Fotoshooting, Abfahrt.

3. Etappe: Lanslebourg - St. Michel de Maurienne (40 KM, 0 HM)

Eine Frage, die mich seit diesem Tag quält: Wieso sind wir die 40 km nicht am Vortag gefahren? Wir bewegen uns also gemächlich zum Fuße des nächsten Passes. Sehenswert: die "Forts de L'Esseillon". Von den Italienern zwischen 1817 und 1834 gebaut. Sie hatten wiedermal Angst, diesmal vor den Franzosen. Schon 1860 ging Savoyen an Frankreich zurück, die Wehranlage wurde nutzlos. Ende des Geschichtsunterrichts. Ende des Tages.

4. Etappe: St. Michel de Maurienne - Guillestre (110 KM, 2.200 HM)

Georg wäre am liebsten um ca. 0300 Uhr aufgebrochen. Warum auch immer... Natürlich ist es zu dieser Zeit noch zappenduster, daher besteigen wir "erst" um 0600 Uhr die Radeln. Vor uns liegen zwei untrennbar mit der Tour de France verbundene Pässe: der Col du Telegraphe (1.509 m, max. 10,0%) und der Col du Galibier (2.645 m, Ø 5,9%, max. 14,0%). Angetrieben von Millionen Fliegen jagen wir die bewaldete Straße auf den Telegraphe bergauf. Wir entkommen den lästigen Insekten erst bei der Abfahrt nach Valloire.

In Valloire radelt eine Rennrad-Gruppe stolz an uns vorbei und würdigt uns keines Blicks. Wir lassen sie ziehen und nehmen die 18 km lange Auffahrt in Angriff. Die Steigung beträgt rund 8 %. Der Abstand zu den "Rennradlern" schrumpft von Kehre zu Kehre. Zwei von ihnen "schnupfe" ich noch weit vor der Passhöhe, sie werden mit einem freundlichen "Salut" bedacht.

Nota bene! Sollte man der irrwitzigen Meinung sein, dass man den Pass bereits beim Restaurant erreicht hat, erlebt man eine böse Überraschung. Denn lässt man den Blick etwas umherschweifen, entdeckt man plötzlich eine Straße, die unbarmherzig ins steinige Nichts zu führen scheint. Der letzte Kilometer...

Und während ich oben auf Schurli warte, schleichen sich die Rennradler doch tatsächlich zu meinem Rad, heben es an und müssen frustriert zur Kenntnis nehmen, dass die Packtaschen nicht zur Zierde angebracht sind.

7,5 Kilometer unterhalb des Galibier stoßen wir auf den Col du Lautaret (2.058 m). Endlich mal ein Berg ohne einen einzigen Höhenmeter! Übernachtet wird in einer schäbigen Jugendherberge in Guillestre, einem Kaff hinter Briancon.

5. Etappe: Guillestre - Jausiers, (42 KM, 1.100 HM)

Es folgt der nächste Fast-Ruhetag, auch wenn mit dem Col de Vars (2.109 m, max. 11,0%) ein unangenehmer Pass zu bewältigen ist. Auf Steigungen um rund 8 % winden sich die Kehren aufwärts. Georg duelliert sich in meinem Rücken mit einem Rennradler, er bleibt Sieger. Bis zum "Gipfel" wechseln sich lange Geraden mit Abfahrten, Flachstücken und mäßigen Anstiegen ab. Einen richtigen Rhythmus findet man daher auf den 19,5 km nie.

6. Etappe: Jausiers - Nizza (140 KM, 1.600 HM)

Höhepunkt der Tour ist freilich der Col de la Bonette (Ø 6,8 %, max. 14%). Den mit 2.802 m höchsten asphaltierten Alpenpass (Georg: "Müssma da überhaupt rauf?") erreicht man über mehrere Geländestufen. Zunächst geht es über Kehren mit 10 % nach Lans. Die nächste Wand wird über 12 %-ige Serpentinen erklommen.

Bald rückt die Fels-Pyramide "Cime de la Bonette" näher, die man schließlich umrundet und dabei - nach 24 km Aufstieg - den höchsten Punkt erreicht. Ein Überqueren der Bergkette wäre zwar schon vorher möglich (Col de Restefond), doch um auf über 2.800 m zu kommen, haben die Franzosen kurzerhand die Straße um den Berg herumgeführt.

Über 80 km sind es noch nach Nizza. Obwohl die Straße bergab führt, müssen wir gegen einen äußerst lästigen Gegenwind ankämpfen. Zudem geraten wir in eine Gewitterfront, die wir einholen, die uns zurückholt, die wir überholen, die uns überrundet, die wir...

Bis Nizza gibt es nur kurze Regenunterbrechungen. Nachdem wir die Räder am Bahnhof abgegeben haben, verbringen wir den restlichen Nachmittag am versifften Steinstrand. Wenigstens bewahrt uns die öffentliche Dusche davor, nicht ganz verdreckt und stinkend den Nachtzug nach Wien besteigen zu müssen.

Strecke: Genf - Nizza, 562 Kilometer

Pässe: Col de la Bonette (2.802 m), Col de l'Iséran (2.770 m), Col du Galibier (2.645 m), Col de Vars (2.109 m), Col du Lautaret (2.058 m), Col du Télégraphe (1.509 m), Col du Mont Sion (786 m)

Höhenmeter: 7.900